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WISSENSCHAFT

Euer Kind ist nicht schwierig: Sein Gehirn ist im Umbau

Von Fabrice Ortner··5 Min Lesezeit

Kurz gesagt

In der Pubertät baut das Gehirn bestehende Verbindungen ab und neue auf. Währenddessen klappen manche Fähigkeiten vorübergehend schlechter als mit zehn: Gefühle in Gesichtern lesen, Impulse bremsen, abends abschalten. Nach Manfred Spitzer reift das Frontalhirn erst zwischen 20 und 30 vollständig. Fragt deshalb: Was kann mein Kind gerade noch nicht?

Der Eltern-Kurs begleitet euch durch die Phase, in der Regeln und Beziehung zusammenpassen müssen, mit Vorlagen und einem Coach für eure Fragen. Das Gespräch führt ihr selbst. Ergänzend filtert der Internet-Schutzschild im WLAN.

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Das könnt ihr heute tun

  1. Nehmt euch einen Streit aus dieser Woche vor und fragt euch: Was konnte mein Kind in dem Moment noch nicht? Drei Minuten genügen.
  2. Prüft zu zweit, welche Regeln für Handy und Schlaf bei euch schon feststehen und welche nur im Kopf. Zum Mediennutzungsvertrag
Nachdenklicher Jugendlicher schaut aus dem Fenster

Seit ein paar Monaten wirkt euer Kind wie ausgewechselt. Türen fallen lauter zu, Antworten werden einsilbig, und eine harmlos gemeinte Frage endet im Streit.

Das ist anstrengend, und es hat oft mit dem Gehirn zu tun. Der Hirnforscher Manfred Spitzer beschreibt es in seinem Buch Pubertät ist, wenn die Eltern seltsam werden (2014) so.

Pubertät und Gehirn: Was gerade umgebaut wird

Hormone erklären nur einen Teil. Nach Spitzer baut das Gehirn in dieser Zeit bestehende Vernetzungen ab und neue auf. Es ist weder kaputt noch fertig, sondern Baustelle. Und auf einer Baustelle funktioniert manches schlechter als vorher: Euer Kind kann mit dreizehn Dinge weniger gut, die es mit zehn zuverlässig konnte.

Drei Beispiele aus dem Alltag:

  • Gesichter lesen: Euer neutraler Blick über den Küchentisch kommt als Vorwurf an, eure ruhige Nachfrage als Kritik.
  • Bremsen: Das Handy soll um 21 Uhr weg. Euer Kind weiß das und will es oft selbst. Um 22:40 Uhr scrollt es trotzdem noch.
  • Schlaf: Die innere Uhr verschiebt sich nach hinten, und Bildschirmlicht am Abend verstärkt das.

Das Frontalhirn, zuständig für Impulskontrolle und Planung, ist laut Spitzer erst zwischen 20 und 30 Jahren vollständig ausgereift. Ein Fünfzehnjähriger arbeitet also mit unfertiger Ausstattung, und wir messen ihn oft mit Erwachsenen-Maßstab.

Was ihr jetzt tun könnt

Fragt euch statt „Warum macht mein Kind das?“ lieber: „Was kann mein Kind gerade noch nicht?“ Die erste Frage führt schnell zu einem Vorwurf. Die zweite fragt nach der Ursache und gibt euch öfter etwas an die Hand, womit ihr im Alltag weiterkommt.

Wichtig bleibt auch eine Reihenfolge: erst Beziehung, dann Regel. Regeln braucht ihr trotzdem. Zum Handy gehören sie in die Familie und nicht erst in den Streit. Der Rahmen im Heimnetz, etwa ein Filter am Router wie der Internet-Schutzschild, entlastet dabei, ersetzt aber nicht das Gespräch.

Im Detail

Zwei Sichtweisen auf dieselbe Phase

Spitzer greift einen Satz auf, der die Perspektive dreht:

„Pubertät ist, wenn die Eltern anfangen, schwierig zu werden." Spitzer, 2014 (aus Sicht der Jugendlichen)

Beide Seiten erleben dieselbe Phase, und beide erleben sie als Veränderung der jeweils anderen.

Die Phasen im Überblick

PhaseAlterWas passiert
Vorpubertät8–12Prägendste Phase: Gewohnheiten und Familienregeln verankern sich hier am leichtesten.
Pubertät12–16Der eigentliche Umbau: Vernetzungen werden gestutzt, hormonelle Veränderungen kommen dazu.
Junges Erwachsenenalter16–20Integration: Das Frontalhirn reift weiter, eigene Werte und Identität stabilisieren sich.

Die Einteilung stammt von Spitzer. Die Vorpubertät heben Claudia und David Arp in Pubertät in Sicht (2017) als entscheidende Phase hervor.

Die Bremse ist noch nicht eingebaut

Laut Spitzer erkennen Jugendliche Risiken durchaus. Der Teil des Gehirns, der im entscheidenden Moment bremst, ist aber noch im Bau. Im Alltag zeigt sich dasselbe Prinzip harmloser: Wissen und Handeln sind zwei getrennte Baustellen.

Schlaf ist Arbeit

Im Schlaf verarbeitet das Gehirn, was es tagsüber gelernt hat. Ausschlafen am Wochenende ist deshalb keine Faulheit, sondern Nacharbeit. Auf die biologische Verschiebung kommt durch Bildschirmlicht am Abend noch eine technische obendrauf. Das ist ein Grund, warum die Abendroutine in vielen Familien eskaliert.

Verständnis statt Machtkampf

„Was die Kinder und die Jugendlichen brauchen, ist Verständnis und eine sehr flexible Reaktionsweise — die eben genau nicht auf Prinzipien reitet, sondern immer wieder Verständnis aufbringt und immer wieder versucht, eine Brücke herzustellen." Spitzer, 2014

Das heißt nicht, alles durchgehen zu lassen. Eine Regel, die euch die Beziehung kostet, hat sich nicht gerechnet.

Selbstwirksamkeit ermöglichen

Spitzer beschreibt Selbstkontrolle als trainierbar. Trainiert wird sie über Erfahrungen, in denen eigene Anstrengung sichtbar zu einem Ergebnis führt, etwa durch ein Instrument, eine Sportart oder ein Projekt mit echter Ausdauer.

„Wer nämlich immer wieder solche Erlebnisse hat, der wird langfristig lernen: Ich bin der Herr meiner Geschicke und ich kriege das schon hin." Spitzer, 2014

Die Umgebung als Baumaterial

Nach Spitzer lassen aggressive Inhalte den Testosteronspiegel messbar steigen und erhöhen die Aggressivität, prosoziale Inhalte wirken in die andere Richtung. Die Medienumgebung ist in dieser Phase also kein Nebenschauplatz.

„Es ist nicht egal, was man in dieser Zeit der Pubertät tut, mit welchen Gedanken man sich beschäftigt und mit welchen Umgebungen man sich umgibt." Spitzer, 2014

Quellen

Manfred Spitzer: Pubertät ist, wenn die Eltern seltsam werden. Schattauer, 2014. Alle Zitate stammen aus dieser Quelle. Zur Vorpubertät: Claudia und David Arp, Pubertät in Sicht. Brunnen Verlag, 2017.

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